Vom Sozialpraktikum der 10. Klasse auf Juist
Die 10. Klasse war in diesem Frühjahr wieder auf der Nordsee-Insel Juist zu einem dreiwöchigen Praktikum. Im Vordergrund stand die praktische Arbeit in der Natur, was auf der vom Meer bedrohten friesischen Insel den Bau von Küstenschutzanlagen bedeutet. Täglich arbeiteten die Jugendlichen in den Dünen, und die Freizeit war mit Wandern, Baden, Ausflügen ins Watt, Fliegen und individuellen Aktivitäten ausgefüllt. Eine Schülerin stellt in ihrem Praktikumsbericht eindrücklich den ständigen Kampf der Inselbewohner gegen die Gewalten von Wasser und Sturm dar.
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ie hiessen Friesenflut, Allerheiligen-Flut, Weihnachtsflut oder gar „Grote Manndränke“: Rund ein Jahrtausend lang haben die Menschen an der Nordseeküste immer wieder Leben, Hab und Gut durch grosse Sturmfluten verloren. Heute können Küstenschutz und Flutvorhersagen weitgehenden Schutz bieten. Als vor rund tausend Jahren die systematische Besiedlung des Küstengebietes anfing, begann auch der Kampf der Menschen gegen die wiederkehrenden Hochwasser. Seitdem haben viele Fluten traurige Berühmtheit erlangt. Sie haben die Form der deutschen Nordseeküste deutlich geprägt.
Die Entstehung einer Sturmflut wird durch verschiedene Faktoren begünstigt. Da ist zunächst natürlich der Wind, der aus südwestlichen bis nordwestlichen Richtungen das Atlantikwasser in die Nordsee und in die Deutsche Bucht drückt. Zum Anderen spielt die Wetterlage eine Rolle. Der geringe Luftdruck im Zentrum eines nordatlantischen Tiefs lässt bereits dort den Wasserspiegel um einige Dezimeter ansteigen. Wenn diese an sich kleine Welle dann in die flacheren Küstengewässer kommt, nimmt sie erheblich an Höhe zu. Je nach Wetterlage wird zwischen verschiedenen Sturmfluttypen (Typ „Nordsee“, „Skandinavien“, „Grönland“) unterschieden. Natürlich ist auch die Tide wichtig. Zur Springzeit addieren sich die Gezeitenkräfte von Sonne und Mond, so dass kurz nach Neu- und Vollmond die Fluten besonders hoch ausfallen.
Schliesslich ist die Form der jeweiligen Landmassen von besonderer Bedeutung. Streckt sich die Küste trichterartig dem Wind entgegen, so läuft das Wasser besonders hoch auf. Wird das Meer schon weit vor der Küste flach, so brechen die Wellen bereits relativ früh und verlieren an Kraft. In der seit kurzem auf einen maximalen Tiefgang von 15,10 m (für Einlaufen mit Hochwasser) ausgebaggerten Elbrinne kann eine Flutwelle leichter flussaufwärts laufen als in flacheren Flussbetten.
Der Küstenschutz spielt an der ganzen Nordseeküste eine grosse Rolle. Dabei ist besonders wichtig, den heranlaufenden Wellen schon früh ihre Kraft zu nehmen. Dazu dienen ein ausgedehntes Vorland und oftmals Buhnen und Lahnungen. Der Deich steigt seeseitig ganz langsam an und verschlingt durch das flache Profil beim Bau grosse Mengen von Material. Daher wird er im Kern mit Kies aufgeschüttet. Nur die obere Schicht ist Klei, also schwerer, fester Boden. Früher war das anders: Beidseitig waren die Deichprofile sehr viel steiler, was den Wellen gute Angriffsflächen bot und oft zu Deichbrüchen führte.
Auch regelmässige Pflege des Deiches tut not: Höhlenbauer wie Mäuse und Kaninchen müssen vertrieben werden, Unkraut beseitigt. Doch manche Gefahr ist Menschenwerk: Auf Neuwerk gab es bis in die 70er Jahre vier Backsteintürme, die in den Deich eingelassen waren. Bei der Jahrhundertflut im Januar 1976 konnte das Wasser zwischen Deich und Gemäuer greifen, was beinahe zum Deichbruch geführt hätte. Die Türme mussten daraufhin noch im gleichen Jahr abgerissen werden. Entsprechend sorgfältig müssen die vielen Siele in den Deich eingepasst werden, also die vielen verschliessbaren Abflüsse des binnenländischen Süsswassers nach aussen. Wenn sie bei Regen nicht gelegentlich geöffnet werden, kann es drinnen zu Süsswasser-Überschwemmungen kommen. Solche Öffnungen können zum Beispiel auch bei länger andauernden Sturmfluten zur Niedrigwasserzeit erfolgen.
Bricht ein Deich, so reisst der entstehende Wirbel an der Bruchstelle ein tiefes Loch in den Boden. Dort kann der Wall dann nicht wieder aufgeschichtet werden: Der reparierte Deich wird um die Bruchstelle herumgeführt, ein Brack ist entstanden.
In den vergangenen Jahrhunderten hat sich die Nordsee immer mehr in küstennahe Landstriche ausgebreitet. Die Landverluste bei Sturmfluten wurden dabei an der deutschen Nordseeküste unter anderem durch Landsenkungen (Sackungsprozesse) begünstigt. Die Doggerbank war einst europäisches Festland, und vor 4500 Jahren konnte man den Helgoländer Felsen noch zu Fuss erreichen. Die heutige 15m-Tiefenlinie gibt grob den damaligen Küstenverlauf wieder. Bei extremen Sturmfluten entstanden 1164 der Jadebusen und 1287 der Dollart. 1362 wurden bei der „Groten Manndränke“ grosse Teile der Nordfriesischen Küste überspült und zu Teilen der Nordsee. Der Ort Rungholt ging unter, es soll über 100.000 Tote gegeben haben. Im Oktober 1634 wurde die Insel Strand teilweise zerstört, Nordstrand blieb übrig. In der Nacht des Jahreswechsels 1721/22 brach bei einer Sturmflut der Gesteinswall zwischen Helgoländer Hauptinsel und Düne. Doch damals war die Düneninsel noch fast zehnmal grösser als heute. Im vorigen Jahrhundert verschwand Alt-Wangerooge (Neujahrsflut 1855). Zu den jüngeren Landrückgängen zählen die ständigen Verluste an den Düneninseln der Nordseeküste, vor allem auf Sylt, und das Verschwinden der Vogelinsel Jordsand im Jahre 1999. Dort blieb nur noch eine Sandbank. Bei Sturmfluten wird es auch für die Küstenvögel ungemütlich. Sie sammeln sich binnendeichs nach Arten getrennt.
Von einer Sturmflut wird gesprochen, wenn der Tidenhöchststand das mittlere Tidenhochwasser um 1,50 Meter oder mehr übersteigt. Ab 2,50 Meter wird von einer schweren Sturmflut und ab 3,50 Meter von einer sehr schweren Sturmflut gesprochen. Sturmfluten treten verstärkt im Frühjahr und im Herbst auf. Die Deutsche Bucht ist nach Ansicht des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie eines der am stärksten von Sturmfluten bedrohten Gebiet weltweit. Bedingt durch die Geographie der Nordseeküste und den Trichtereffekt der Elbmündung tritt dieses Phänomen häufiger auf als anderswo.
Sturmfluten und ihre Wirkungen sind ab dem Jahr 1000 überliefert. Zuverlässige Angaben gibt es dabei bis in die neuere Zeit hinein allenfalls für das Ausmass der jeweiligen Landverluste. Welche Sturmflut im Hinblick auf die Zahl der Toten die bisher verheerendste war, darüber kann man nur mutmassen. Die früheren Angaben zur Zahl der Toten sind zum Einen sehr widersprüchlich, und zum Anderen steht zu vermuten, dass einige Zahlen im Hinblick auf die mittelalterliche Siedlungsdichte an der Nordsee deutlich zu hoch angesetzt sein dürften. Die Opfer der Sturmfluten von 1953 (vor allem in den Niederlanden) und 1962 (vor allem in Deutschland und Dänemark) waren Anlass für umfangreiche Küstenschutzmassnahmen, wie die Deltawerke. Diese massiven Investitionen in den Küstenschutz, insbesondere durch Deichbau und Sperrwerke, haben dafür gesorgt, dass die jüngsten Sturmfluten weitaus weniger Schäden verursachten als frühere, niedrigere Sturmfluten.
Celina